Sternenkinder – Wenn Warten ins Leere geht

Ein Erfahrungsbericht von Vera Madler

Vorwort: Warum dieser Artikel?

Im JAKOBUS, dem Pfarrmagazin von Asten, habe ich ja bereits erwähnt, dass sich hier ein vertiefender Artikel befindet. Wie bei diesem ersten Artikel habe ich auch hier unzählige Male begonnen. Und immer wieder neu strukturiert. Davon ausgehend was sich die Leser wohl erwarten würden, was ich aufzeigen möchte und vor allem aber was ich gerne gewusst hätte damals, kam ich zu dem Entschluss, zuerst meine Geschichte zu erzählen mit einer abschließenden „Gut zu wissen“ Rubrik, sowie der Blick auf mein Erlebtes aus heutiger Sicht.

Der Blick aus heutiger Sicht ist mitunter ein Grund warum ihr die Artikel im Pfarrmagazin und hier auf der Homepage der Pfarre Asten findet. Als wir unsere Kinder verloren haben, war Gott in meinem Leben noch nicht so verankert wie heute. Doch heute gehe ich meinen Weg mit Gott und Jesus im Herzen. Diese Tatsache vollendete meinen Heilungsprozess, sodass ich heute sagen kann, dass ich mich mit Gott ausgesöhnt habe. Denn wenn man seine eigenen Kinder verliert, wenn sie einem entrissen werden, aus welchem Grund auch immer, tauchen meist auch Zweifel auf. Ja, auch ich habe gezweifelt. Wie es dazu kam, dass ich unsere Verluste nicht mehr als Schicksalsschlag, sondern als gegeben sehe, könnt ihr in meinem Artikel weiter unten lesen.

In den ersten vier Kapiteln schildere ich euch meine Erlebnisse, Gefühle und Gedanken rund um den Tod und den erlebten Verlust meiner ersten beiden Kinder noch vor deren Geburt. Über den Beginn einer ersten Aufarbeitung nach dem zweiten Verlust könnt ihr im fünften Kapitel “Der nächste Schritt” nachlesen. Unter “6. Folgewunder” erzähle ich von den folgenden Schwangerschaften und meinen beiden lebenden Kinder.

Diese sechs Kapitel sind im Vorfeld einfach wichtig, weil es zum einen nicht nur um die Verwandlung in meinem Leben geht, sondern weil der Verlust von Kindern, sog. “Sternenkinder”, Fehl- und Totgeburten noch immer zu wenig Beachtung findet in unserer Kultur und die Betroffenen sich oftmals allein gelassen fühlen, wenn nicht sogar an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

Um Sternenkindmüttern ein Gefühl zu geben, nicht allein zu sein und verstanden zu werden, jedoch auch Außenstehenden einen Einblick zu geben was denn da passiert, wenn man eine Fehlgeburt und eine Totgeburt hat, stehen also die ersten sechs Kapitel voran.

Im siebten Abschnitt “Von Gott gegeben” beschreibe ich auszugsweise, wie das alles mit Gott zu tun haben könnte, und was mich im Glauben an Gott beschäftigt hat. Unter “Meine Perlen” im achten Kapitel findet ihr, was und wer mir noch geholfen und gut getan hat.
Eine zusammengefasste Kurzinfo für Betroffene steckt hinter “9. Gut zu wissen”. Im darauffolgenden zehnten Kapitel “Gut zu wissen für Angehörige” sind Tipps und ein kleiner Leitfaden zu finden, was mir gut getan hat oder hätte aus meiner Perspektive, was man zu uns Betroffene sagen und wie man sich verhalten kann.

Zum Schluss findet ihr noch Kontaktadressen und Empfehlungen. Denen, die diesen Artikel aus Interesse lesen, wünsche ich, dass sie vielleicht neue Aspekte und Einblicke in dieses schwierige Thema erhalten. Denen, die diesen Artikel lesen, weil sie selbst betroffen sind wünsche ich, dass er eine Hilfestellung sein kann, dass meine Geschichte euch weiter hilft, ihr dadurch vielleicht Werkzeuge erhaltet und Gottes Segen für diese schwierige Zeit.

Inhalt des Artikels:

1. Der Aufprall

Wenn man zum ersten Mal schwanger ist, ist alles so neu, so schön, wunderbar, kostbar und vor allem erscheint einfach alles möglich. Also alles Positive, denn an etwas anderes denkt man nicht zu der Zeit. Bis zu dem Moment, als ich die Nachricht, über den Tod meines ungeborenen Kindes erhielt. Es zog mir den Boden unter den Füßen weg. Beide Male. Auch als ich unser zweites Kind tot zur Welt brachte. Doch wie kam es dazu? Die beiden Situationen waren sehr verschieden und doch auch wieder gleich. In den nächsten Zeilen möchte ich euch einen sehr persönlichen Einblick in mein Erleben und meine Gefühlswelt von damals geben.

Die Fehlgeburt ereignete sich in der zwölften Schwangerschaftswoche. Besser gesagt: die Nachricht bekamen wir da. Bei der zweiten Mutter-Kind-Pass Untersuchung. „Es tut mir leid!“ brannte sich in mir ein. Es war meine erste Erfahrung mit dem Verlust eines Kindes, dem abrupten Ende einer Schwangerschaft. Alles war neu. Ich wusste nicht, was auf mich zukommt, war zeitweise wie ferngesteuert.

Vom Gynäkologen bekam ich eine Überweisung in die Frauenklinik (Med Campus III). Ich wurde nochmal untersucht. Ich fühlte mich so unwohl dabei. Ausgeliefert. Kaputt. Auf dem Präsentierteller. Es stellte sich heraus, dass der Fötus anscheinend nur acht oder neun Wochen alt wurde. Aufgrund der bereits verstrichenen Zeit und dem Wunsch nach einer Histologie und Genetik bekam ich zeitnahe einen Termin für eine Curettage (Ausschabung).

Es hörte sich plausibel an, ich wusste nichts von Alternativen oder anderen Möglichkeiten. Somit folgte ich der Vorgehensweise der Ärzte im Krankenhaus. In meinem Fall war es gut, dass ich die Curettage hatte. Auch wenn es lange brauchte bis ich mit dem Gefühl umgehen konnte, dass „die“ mir mein Baby „rausgeschnitten“ hatten. Gut war es, da bei uns der Fötus untersucht wurde und wir somit eine Diagnose: „Triploidie“, sowie das Geschlecht erfuhren. Unter Triploidie versteht man einen dreifachen Chromosomensatz, der durch zu viel Erbgut entsteht, und sich in solchen Fällen eigentlich gar keine Schwangerschaft entwickelt. Es war somit ein Wunder, dass das Herz unseres kleinen Buben überhaupt geschlagen hatte. Gut war die Curettage auch, weil sie mich auf unser zweites Kind vorbereitete, was ich zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht wusste.

Nach dem Eingriff unter Vollnarkose kam ich in ein Mehrbettzimmer. Überfordert von dem Verlust, dem Schmerz und der Verzweiflung nahm ich alles an, was mir und meinem Mann vorgeschlagen wurde. Angefangen eben von der Curettage bis hin zu der Bestattung. Mein Mann und ich waren damit einverstanden, dass der winzige Körper, kaum drei Zentimeter groß, eingeäschert und seine Asche in einer Urne bei der Sammelbestattung des Krankenhauses beigesetzt wurde. Erst bei der Bestattung habe ich gesehen, dass andere Eltern eine eigene Urne für ihr verstorbenes Kind hatten. Vermutlich waren diese Sternenkinder schon größer bei ihrer Geburt. Zu dem damaligen Zeitpunkt habe ich mich weder mit staatlichen noch kirchenrechtlichen Fragen auseinandergesetzt. Ich konnte es einfach nicht. Ich war froh, dass wir uns um nichts kümmern mussten, dass unser Kind einen Platz hatte. Dass es ein Kindergrab von der Klinik gab, am Barbara-Friedhof in Linz.

Ich wäre nicht fähig dazu gewesen, da mich der Verlust unseres Kindes, auf das wir uns so gefreut hatten und ich die Schwangerschaft so sehr herbeigesehnt hatte, doch sehr hart getroffen hatte. Es riss mir wahrhaftig den Boden unter meinen Füßen weg. Und doch so furchtbar es sich auch anhören mag, ich war erleichtert, dass unser Sternenkind noch rechtzeitig verstarb, damit es sich noch für die erste Beisetzung im Jahr ausging und wir nicht mehrere Wochen darauf warten mussten. Die Klinik hielt damals zwei Sammelbestattungen im Jahr ab. Ich war erstaunt, wie viele Eltern ihre Kinder in einem halben Jahr verloren hatten.

Etwas zeitverzögert nach der Beisetzung kam der Aufschlag in die Realität. Der Umgang der Gesellschaft, wenn man sein Kind verliert. Wobei ich mich korrigieren muss, dass es sich wohl in den Augen der Gesellschaft mehr um eine Fehlgeburt handelt, einem Abortus, einen Abgang als um den Verlust eines Kindes. Der Verlust eines Kindes stellt sich ja erst mit fortgeschrittener Schwangerschaft ein.

Bissig? Wütend? Ja, durchaus. Ich wurde in dieser Zeit „danach“ oft verletzt. Jetzt weiß ich, dass es in den meisten Fällen nicht mit Absicht geschah, doch verletzt hat es mich sehr. Aufgrund der Tatsache, dass Fehlgeburten, Totgeburten, Sternenkinder noch immer ein Tabuthema sind, bleibt Angehörigen, Freunden, Arbeitskollegen, Außenstehenden doch kaum eine Möglichkeit sich „richtig“ zu verhalten. Woher sollen sie denn wissen was wir Betroffene brauchen, wie sie uns helfen oder was sie sagen können? Woher sollen wir Sternenkindeltern wissen, was uns gut tut, was wir brauchen, wenn man vorher nie damit zu tun hatte, nichts davon weiß, nicht weiß welche Möglichkeiten es gibt?

In dieser Zeit war ich sehr oft frustriert und beinah auch depressiv. Die Frage nach dem Warum stellte sich nach der Diagnose zum Glück nicht mehr so quälend dar. Auch die Möglichkeit zur Verabschiedung bei der Beisetzung war gut für mich. Somit konnte die Trauer in Heilung übergehen. Das geschah allerdings nicht von heute auf morgen. Es war ein Prozess. In diesem stellte sich auch erneut der Kinderwunsch ein. Bei mir und bei meinem Mann.

2. Die stille Geburt

Neun Monate nach der Fehlgeburt wurde ich erneut schwanger. Oh wie sehr ich mich freute. Für etwa fünf Minuten. Denn dann kamen die Angst und die Sorgen. Mein Mann und ich beschlossen, dieses Mal unsere Schwangerschaft erst in der 14. Woche bekannt zu machen. Denn im Jahr zuvor allen sagen zu müssen, dass wir unser Kind verloren hatten war echt hart.

Wir machten alles der Reihe nach. Ich hatte bis zur 14. Woche zwei zusätzliche Untersuchungen beim Frauenarzt. Ich weiß noch wie es war, ich hantelte mich von einem Kontrolltermin zum nächsten. Doch danach stellte sich auch die Vorfreude wieder ein.
Ich genoss es sehr, schwanger zu sein und wir freuten uns schon sehr auf unsere Tochter.

Den Geburtsvorbereitungskurs machte ich privat in einer Kleingruppe über mehrere Wochen in Niederneukirchen. In diesem Kurs lernte ich sehr Vieles, das mir später sehr geholfen hat. Ich fühlte mich perfekt vorbereitet und sicher. Selbst als ich in der 32. SSW mit vorzeitigen Wehen kurz im Krankenhaus bleiben musste für die Lungenreifespritze, war die Angst und Verunsicherung zwar da, doch ab der 34. Woche in etwa konnte mir absolut nichts meine Vorfreude nehmen. Das dachte ich jedenfalls.

Seit meinem Aufenthalt im Krankenhaus fragte mich mein Mann jeden Tag nach der Begrüßung ob ich denn Emilia heute schon gespürt habe, und wie es uns ging. Auch an jenem Tag, der alles veränderte. Auf seine Frage hinauf, stellte ich fest, dass ich unser Baby heute noch nicht gespürt hatte. Was mich zunächst nicht beunruhigte, da es ja normal war, dass sich die Babys im Bauch nicht mehr so viel bewegten gegen Ende der Schwangerschaft, und ich war ja schon in der 39. Woche. Dennoch fuhren wir am frühen Abend ins Krankenhaus nachdem ich keine Reaktion von Emilia erhalten habe, als ich probierte, sie „aufzuwecken“.

Etwas mehr als ein Jahr später, wurde mir nun erneut der Boden unter meinen Füßen weggezogen. Der Blick des Oberarztes und des Assistenzarztes haben sich für immer eingeprägt. Beide sahen sich an und da war es wieder: „Es tut mir sehr leid Frau Madler“

„Nein! Wie? Was? Nein! Schauen sie nochmal nach!! Das kann nicht sein!“ Der Assistenzarzt sah tatsächlich nochmal nach. „Nein, da ist nichts mehr. Kein Herzschlag.“

„Operieren. Not OP. Holt sie raus, belebt sie wieder!!“
„Es tut uns leid, es ist zu spät.“

Mit einem lauten, Wände durchdringenden, von Tränen begleitenden, langem NEIN schrie ich das gesamte Krankenhaus zusammen. Mein Mann sank zu Boden. Ich machte eine Schwester aufmerksam. Ich konnte mich nicht um ihn kümmern. Ich war erschüttert. Nein, das durfte nicht wahr sein. Vor lauter Weinen musste ich mich beinah übergeben. Mir wurde übel. Ich weiß nicht mehr wie lange es dauerte, ob ich gesessen oder gelegen bin, wer sich dann um Thomas gekümmert hatte, ich weiß nur wie ich dann zur Toilette musste und mich eine Hebamme begleitete.

Nach dem ersten Schock, war mir dann sofort klar, dass ich Emilia definitiv normal zur Welt bringen wollte. Und mir war klar, dass ich unbedingt noch einmal nach Hause wollte. Abschied nehmen. Mit meinem Mann neben mir. Ohne störendem Spalt zwischen zwei aneinandergeschobene Krankenhausbetten.

Wir besprachen die weitere Vorgehensweise und ich bekam die erste von max. drei Tabletten zur Einleitung der Geburt noch am Abend in der Klinik. Danach fuhren wir nach Hause. Mit Psychopax Tropfen, Schmerz, Leere, Fassungslosigkeit und Ratlosigkeit im Gepäck und einem toten Baby in meinem Bauch.

Es war wie im Film. Erneut. Und doch ganz anders.
Ich brauchte Hilfe. Ich wusste nicht, was auf mich zukommt.

Am nächsten Morgen rief ich eine Freundin von mir an, die bereits in einer ähnlichen Situation war. Sie half mir mich vorzubereiten. Die mitunter wichtigsten Hilfestellungen von ihr waren, dass ich absolut nichts muss. Ich bestimme den Weg. Wir sollen uns mit unserer Tochter so viele Tage Zeit lassen im Krankenhaus, wie wir brauchten, keine Sorgen darum machen ob das Bett gebraucht wird oder nicht. Wir sollten unser Handy mitnehmen und Fotos machen, Kleidung einpacken. Aber vor allem sollte ich Emilia loslassen. Wenn ich sie loslassen kann, würde ich die Chance auf eine kurze Geburt haben. Ich war sehr dankbar für ihre Ratschläge.

Als wir in der Früh dann im Krankenhaus ankamen, hatte ich bereits Wehen. Ich brauchte somit keine weitere Tablette mehr. Alle waren sehr betroffen und sehr bemüht! Besonders die Hebamme hatte es geschafft, dass ich eine würdevolle und durchaus schöne stille Geburt erleben konnte. Im Kreißsaal angekommen, dauerte die Geburt tatsächlich nur drei Stunden. Schmerzen hatte ich kaum. Ich bekam Schmerzmittel, brauchte keine PDA. Bis zuletzt hatte ich die Hoffnung Emilia würde durch den Geburtsschock reanimiert, und sie würde vielleicht doch leben und schreien wenn sie das Licht der Welt erblickte.

Das Licht der Welt erblicken … Das Licht der Welt hat Emilia nie gesehen. Ich weiß noch wie angestrengt ich horchte, und wie groß die Enttäuschung war, als da kein Schrei kam. Nichts.

Ich war erschöpft. Und ich war gespannt. Doch ich konnte sie noch nicht nehmen. Ich wurde nicht gedrängt. Und nach kurzer Verschnaufpause, nachdem ich meine Gefühle etwas sortiert hatte, war ich bereit. Ich war bereit unsere Tochter in den Armen zu halten. Ich war nervös, ich wusste nicht, wie es sich anfühlen würde, ein totes Baby zu halten. Ich wusste nicht, wie sie aussehen würde. Und dann bekam ich sie. Eingewickelt in eine weiße, weiche Stoffwindel, umhüllt von einem roten, flauschigen Handtuch.

Da war sie nun in meinen Armen. Unsere Emilia Maria. Tot. Und doch so friedlich, so vollkommen, hübsch. Sie hatte volles schwarzes Haar, in Locken gelegt, die Augen geschlossen, dunkelrote beinah violette Lippen, sowie dunkelrotblaue Fingernägel. Ihr Körper war warm und weich. Ich gab ihr einen Kuss auf ihre Stirn. Dieses Gefühl ihrer samtweichen Haut und den Geruch nach Baby werde ich nie vergessen. Noch heute spüre ich diese Berührung und ihre Haut auf meinen Lippen wenn ich daran denke.

3. Das Danach

Ich brachte Emilia an einem Samstagnachmittag zur Welt. Wir blieben bis Sonntag im Krankenhaus. Da konnten sich dann auch die Großeltern von ihr verabschieden im Abschiedsraum des Klinikums. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir ein Einzelzimmer auf der gynäkologischen Station. Somit war gewährleistet, dass ich nicht unmittelbar einer schwangeren Frau oder einer frischgebackenen Mutter über den Weg laufen würde.
Thomas, mein Mann, war die ganze Zeit bei mir. Wir machten Fotos und verbrachten Zeit mit unserer Tochter. Diese Zeit war wichtig. Es war so wichtig, dass ich mir ihre Gesichtszüge einprägen konnte, ihr Gewicht, einfach sie spüren und sehen konnte. Es war alles, was uns von ihr geblieben ist. Die Zeit mit ihr im Krankenhaus. Thomas musste sie doch erst kennenlernen. Er hatte ihren Charakter noch nicht gespürt, so wie ich, als ich sie in mir trug. Unter meinem Herzen.

Dann war es soweit und wir verließen das Krankenhaus. Ohne unserer Tochter.

Die Nacht zuhause war schlimm. Das leere Gitterbett im Kinderzimmer. Alles war doch fertig. Und jetzt sollte sie niemals da drinnen liegen. Wir konnten sie nicht mit nach Hause nehmen. Sie hatte unser zuhause noch nie betreten und doch fehlte sie.

Am Montag fuhren wir wieder ins Krankenhaus und nahmen den Termin bei der Psychologin wahr. Sie bereitete uns auf den kommenden Abschied vor.

4. Der Abschied

Wir verabschiedeten uns von Emilia. Bei diesem Abschied gab es nur Thomas und mich. Und Emilia Maria. Seit der Diagnose machten wir einen Schritt nach dem anderen. Thomas erinnerte mich immer wieder daran. Eins nach dem anderen. Und in unserem Tempo.

Wir bereiteten uns auf die Beerdigung vor. Wobei es eine Verabschiedung mit Beisetzung der Urne war. Das Wichtigste für uns war, dass beide Kinder zusammen kommen. Ich wollte nicht auf zwei verschiedene Gräber fahren müssen, wenn ich meine toten Kinder besuchen will.

Somit fragten wir bei der Frauenklinik an und es wurde uns genehmigt. Ich war erleichtert. Wir hatten uns für das Bestattungsunternehmen Dobretsberger entschieden und würden es jederzeit wieder so machen. Wir wurden mit großem Respekt und Würde für unser Baby empfangen, und es war so viel Engagement und Herzlichkeit dabei. Wir sind bis heute sehr dankbar dafür.

Ich erinnere mich noch an den Moment, in dem ich gerade die Parte-Billets selbst gestaltete und zu meinem Mann sagte, wie skurril das alles doch sei. Denn eigentlich sollte ich jetzt die Dankeskarten für die Glückwünsche zur Geburt unserer Tochter gestalten, und nicht ihre Partenzettel! Ich war ziemlich wütend und traurig zugleich. Und auch frustriert. Keiner gratulierte mir zu der Geburt, und doch war sie schwerer als eine normale Entbindung, da das Baby ja nicht mithelfen kann. Stattdessen erhielt ich Mitleid, betretene Blicke und Schweigen.

Was ich in diesem Moment gebraucht hätte? Den Mut zu sagen dass es die weltgrößte Scheiße ist, die mir, die uns da passiert ist. Denn so fühlte es sich an in diesen Momenten. Ich hatte dennoch alle körperlichen Folgen einer Geburt. Nur ohne Kind! Das tat so weh. Es zerriss mich innerlich, denn es war so unfair. All der körperliche Schmerz, das Wochenbett: wofür denn??? Mein Kind war tot! Mittlerweile sogar schon eingeäschert. Und bald schon begraben. Es war eine Achterbahn der Gefühle.

Wir bereiteten die Beisetzung und Verabschiedung dennoch mit einer gewissen Form von Freude vor. Es war die einzige Feier, die Thomas und ich je für Emilia Maria machen konnten.
Und es wurde eine würdevolle und sehr schöne Verabschiedung. Es kamen nicht nur unsere Familien, sondern auch enge Freunde und Arbeitskollegen. Wir wollten bewusst keinem die Möglichkeit verwehren, sich von ihr zu verabschieden oder uns zu unterstützen. Einzig von Beileidsbekundungen baten wir abzusehen. Ich konnte es einfach nicht ertragen, das Mitleid der Anwesenden anzunehmen.

Die Beisetzung schloss mit dem Lied „Amoi segn ma uns wieda“. Und dann gingen wir. Wir machten in den nächsten Wochen immer einen Schritt nach dem anderen. Zu dem Zeitpunkt ihrer Beisetzung hatten wir noch nicht mal ein Ergebnis von den Untersuchungen. Wir wussten noch gar nicht, warum oder woran Emilia verstorben war. Denn bei der Geburt stellte sich heraus, dass nicht ein Krümel von Kalk in der Plazenta war, noch hatte die Nabelschnur einen Knick oder Knoten, oder war um ihren Hals gewickelt.

5. Der nächste Schritt

“Ein Schritt nach dem anderen” war ja seit Emilias Tod unsere Methode, das Leben zu meistern und vielleicht wieder in einen Alltag zurückzufinden. Davor, in etwa acht Wochen danach, machten wir unseren nächsten Schritt. Dieser war Urlaub.

Mithilfe meiner Eltern konnten wir einen Erholungsurlaub in einem Adults only Spa Hotel in Ägypten machen. Einfach mal nur wieder wir sein. Ohne unser Schicksal. Einfach nur Vera und Tom von davor. Ein Stück weit war dies auch möglich. Und es war so wichtig für uns, für mich. Denn in der Zeit nach der stillen Geburt bis zum Urlaub beschäftigten mich in meiner Trauer in meinem Schmerz viele Fragen.

Ich hatte damals unmittelbar nach ihrem Tod große Sorgen, dass Emilia nicht getauft war, und ob sie dann kirchlich beigesetzt werden konnte. Ob ihr ein würdevolles Begräbnis möglich war. Ich dachte zu diesem Zeitpunkt nämlich noch, dass man getauft sein muss, um kirchlich bestattet werden zu können.

Ich stellte mir auch die Frage nach dem Verbleib ihrer Seele. Anfangs fühlte es sich noch an als ob sie einfach schlafen würde, aber nach dem dritten Tag wurde uns klar, die Seele hatte ihren Körper verlassen. Es war nicht mehr unsere Emilia, von der wir uns verabschiedeten im Krankenhaus, es war nur mehr ihr Leib, wie eine Hülle. Ich wusste nicht, ob unser Sternenkind sofort zurück zu Gott in den Himmel gehen konnte oder ob sie durchs Fegefeuer musste, da sie nicht getauft war. Diese Gedanken kamen immer wieder kurz auf, doch ich schob sie für sehr lange Zeit zur Seite.

Die erste Antwort darauf erhielt ich, als ich das Buch „Den Himmel gibt’s echt“ in unserem Urlaub gelesen hatte. Von da an wusste ich, es gibt einen Himmel tatsächlich, und Emilia ist bei Gott im Himmel. Wartet dort auf mich, und es geht ihr gut. Sie ist angekommen. Entspannung stellte sich zum ersten Mal ein.

Einige Tage nach unserem Urlaub führte unser Weg in die Klinik zur Obduktionsberichtbesprechung. Nervös, unruhig und mit flauem Magen ging ich zusammen mit meinem Mann dorthin. Wir erfuhren, dass Emilia am plötzlichen Kindstod im Mutterleib verstorben ist.

Okay. Hatte ich etwas falsch gemacht? Warum starb sie an SIDS (Sudden Infant Death Syndrom = plötzlicher Kindstod)? Diese Frage konnte mir auch kein Mediziner beantworten, auch die Psychologin nicht, und von Gott erhielt ich damals noch keine Antwort. Besser gesagt, ich konnte sie noch nicht ausmachen. Im Endeffekt wussten wir nach dieser Besprechung lediglich, dass Emilias Herz aufgehört hatte zu schlagen.

6. Folgewunder – wenn Warten belohnt wird

Bei dieser Besprechung hatte ich auch eine Abschlussuntersuchung, dabei bekamen wir eine positive Schwangerschaft bestätigt. Ich war wieder schwanger. Keine drei Monate nach unserem Verlust, mitten in meiner Trauer, war ich nun schwanger. Unbeabsichtigt. Nichtsdestoweniger hocherfreut. Und durcheinander. Freude, Angst, Trauer, Schmerz, Verlustangst, Sorgen, Überforderung. Ich war wahrhaftig überfordert.

Ich war doch noch mitten in meiner Trauer um Emilia, auch wenn ich wusste, dass sie nun bei Gott war. Es tröstete mich jedoch nicht über ihren Verlust hinweg. Was ich jedoch überhaupt gar nicht wollte war, dass sich unser nächstes Kind, unser Folgewunder, auch nur Ansatzweise als Ersatz fühlte. Es ging mir ehrlicherweise zu schnell.

Auch wenn der Kinderwunsch nach wie vor ungebrochen war, ein Kind an der Hand zu haben, das lebt, das mit uns und unter uns, in unserer Familie lebt, so war es doch rückblickend sehr knapp hintereinander. Der Verlust und die erneute Schwangerschaft.

Ja unser Folgewunder wurde uns geschenkt und es sollte auch so sein. Selbst, wenn es für mich ein ständiges Schwanken zwischen Gelassenheit und Sorge war, heute weiß ich, dass es so sein sollte. Die Folgeschwangerschaft war jedoch geprägt von Ängsten, Unsicherheit, phasenweise Panik. Oft genug schlug mir das Herz bis zum Hals.

Und dann war da die andere Seite. Die des Vertrauens. Ich musste darauf vertrauen, dass alles gut geht, dass es dieses Mal gut ausgeht. Wir ein lebendes Kind haben würden. Ob gesund, behindert oder krank war zweitrangig. Hauptsache es lebt. Dies war mitunter ein Grund, warum wir lediglich das Organscreening machten, und keine weiteren Untersuchung, abgesehen von engmaschigen Mutter-Kind-Pass Untersuchungen beim Frauenarzt.

Während dieser Schwangerschaft wurde ich von der Psychologin weiter betreut, die auch nach Emilias Tod für uns da war. Zu Beginn gingen mein Mann und ich gemeinsam hin, später ging ich alleine, manchmal begleitete mich mein Mann wieder. Je nach Bedarf.
Schritt für Schritt, einer nach dem anderen, war auch in dieser Schwangerschaft die Devise.

Das „wichtigste” Werkzeug, dass ich in dieser Zeit in der Therapie mitbekam war, der Angst Raum zu geben, sie los zu lassen. Ich konnte die Angst nicht ignorieren, sie nicht weg- oder klein reden. Das ging nicht. Dadurch wurde ich unrund, und die Angst bekam mehr Gewichtung. Ich sollte die Angst als Kind sehen, das ich an der Hand führte. Die Angst zog und zerrte an meiner Hand. Ich solle sie loslassen, “auf dem Spielplatz austoben lassen” (Raum geben) und dann wieder an die Hand nehmen. Ich bestimme wo es lang ging.

Dieses Bild half mir sehr viel in dieser Zeit. Ebenso wie meine Stoßgebete und Gebete.
Ich bin religiös aufgewachsen und Gott spielte in meinem Leben immer eine Rolle. Die Ausübung meines Glaubens in Form von aktivem Gebet, auch wenn ich nichts von Gott „brauche“, im Sinne von Bitten und Wünschen, sowie in der Teilnahme im Pfarrleben, war in dieser Zeit nicht gegeben. Und dennoch war Gott für mich da und ich betete sehr oft zu ihm, dass alles gut ausgehen möge.

Mein Mann und ich schafften es immer wieder uns zu fokussieren und auch schöne Momente zuzulassen. Während der gesamten Schwangerschaft war ich darauf bedacht, nichts falsch zu machen. Wenn nicht bewusst, dann unterbewusst. Angefangen von dem Verzicht auf diverse rohe Speisen, Medikamente, oder auch Kräuter, bis hin zu meiner Einstellung. Ich wollte nicht, dass unser Folgewunder eine stressige, von Angst und Sorgen geprägte Schwangerschaft in meinem Bauch erlebte.

Diesen Spagat zu meistern war tatsächlich nicht leicht. Doch mit fortschreitender Schwangerschaft gelang es mir immer öfter, Vertrauen und Zuversicht zu spüren und leben zu können. Rückblickend weiß ich, Gott hat mich auch da begleitet.

Schon nach dem Tod von Emilia stand fest, dass eine folgende Schwangerschaft nur bis zu der erreichten Frühchengrenze gehen würde. Mit dem Erreichen der 38. SSW, sprich 37+0 (exakt 37 Wochen) würde die Geburt kontrolliert eingeleitet werden.

In dieser Schwangerschaft versuchte jeder es mir bzw. uns recht zu machen. Ich bekam jede Untersuchung, die ich für mein Gefühl der Sicherheit benötigte. Darum wurde ich auch eine Woche vor der Einleitung ins Krankenhaus stationär aufgenommen. Ich sollte jeden Tag drei Mal an den Wehenschreiber (CTG) angehängt werden. Das wurde mir nach drei Tagen dann aber auch zu viel und wir einigten uns auf zweimal pro Tag und jeden zweiten Tag eine Ultraschalluntersuchung.

Jeder wollte sicher stellen, dass es gut ging. Ich wusste jedoch, wenn unser Baby nicht bereit war zu kommen, dann könne sich die Einleitung über Tage ziehen. Das wollte ich definitiv nicht. Mit den Hebammen von der Kreißstation bereitete ich mich daher mit alternativen Methoden, wie Globulis und Massagen, unterstützend auf die Einleitung vor.

Und dann kam der Tag der Geburt. Die Einleitung schlug an. Um 13 Uhr hatte ich die ersten Wehen, ab 15 Uhr hörten die Wehenstürme nicht mehr auf. Ich bekam ein unterstützendes Medikament (Muttermund war noch nicht weit genug geöffnet), das mir für eine Stunde in etwa die Schmerzen nahm, damit ich mich von meiner Erschöpfung im Schlaf erholen konnte.

Leider hatten wir dadurch einen Hebammenwechsel. Und wir waren so gar nicht auf einer Wellenlänge oder Vertrauensbasis mit der neuen Hebamme. Als die Wehen immer heftiger wurden kam dann der Moment, in dem ich einfach nur noch auf meinen Instinkt hörte. Gerade in diesem Augenblick kam der Arzt meines Vertrauens, getrieben von meinen Schreien zu Tür herein. Ich sah ihn, wusste jetzt passt es, jetzt wird es gut und begann zu pressen. Und mit drei Presswehen war unser Baby da.

Der Moment der Wahrheit. Die Anspannung von Thomas und mir war enorm. Und dann kam er, der erlösende Schrei: sie lebt! Und sie war gesund! Halleluja! Amen!

Wir waren zutiefst erleichtert und dankbar. Ich weinte vor Freude und vor Erschöpfung. Thomas durchtrennte die Nabelschnur, und dann lag sie da. Auf meinem Bauch, hob unbeholfen ihren kleinen Kopf und blickte mich an. Paulina Barbara. Sie hat das Licht der Welt erblickt. Noch nie zuvor klang ein Weinen, ein Schrei so himmlisch schön!

Paulina sollte nicht unser einziges Folgewunder bleiben. Zwanzig Monate später kam Johanna Maria, Gott sei Dank, gesund zur Welt. Die Schwangerschaft mit ihr verlief mit wesentlich weniger Kontrollen, mehr Gelassenheit und Zuversicht meinerseits. Nicht ganz ohne Ängste und Sorgen, jedoch mit deutlich mehr Bauchgefühl und Zutrauen.

Doch auch in dieser Schwangerschaft brauchten wir besonders zur Geburt von Johanna viele Gebete. Durch einen hohen Blasensprung (Fruchtwasser tritt nur langsam aus, da die Fruchtblase nur minimal einreißt) musste ich im Krankenhaus bleiben und die Geburt sollte ebenfalls eingeleitet werden, nachdem die Wehen sich nicht von selbst einstellten.
Doch dann sackten die Herztönen unseres Mädels ab. Der Alarm für eine Not-Sectio wurde ausgelöst. Binnen dreizehn Minuten nach Auslösen des Alarms wurde unsere Tochter per Notkaiserschnitt geholt. Als ich aus der Vollnarkose erwachte, war es Thomas, der mir unsere Tochter brachte. Unsere Johanna Maria.

Heute sind unsere Töchter fünfeinhalb und beinah vier Jahre alt und gesund! Dafür danke ich Gott immer und immer wieder. Seither bin ich für jeden einzelnen Geburtstag, den unsere Kinder erleben aus tiefstem Herzen dankbar.

7. Von Gott gegeben

Ich zähle nicht nur meine Kinder – alle vier – dazu, dass sie mir/uns von Gott gegeben wurden. Sondern jede einzelne Person, die im Laufe meiner Schwangerschaften, meiner Trauer, einfach seither meinen Weg gekreuzt hat, und mir wichtig wurde. Entweder weil sie einfach nur durch ihr Sein wertvoll für mich war, aber auch durch ihr Tun, das mir weitergeholfen hat. Zum einen bei der Bewältigung meiner Trauer, noch viel mehr allerdings bei der Bewältigung meiner Ängste und Sorgen in den Folgeschwangerschaften, aber auch in der Zeit der Kindererziehung als Sternenkindmama mit Folgewunder an der Hand.
Sprich als Mama, die zwei Kinder im Himmel und zwei lebende Kinder hat.

Ich sagte erst kürzlich, während dem Entstehen dieses Artikels, zu einer sehr guten Freundin, dass ich „dieses Thema“, nämlich meinen, unseren Verlust schon oft durchgegangen bin. Ist ja mittlerweile schon wieder sieben und sechs Jahre her. Meinen Verlust habe ich sehr oft thematisiert, offen darüber gesprochen, in Therapien erarbeitet, besprochen, aufgearbeitet. Sodass ich heute gut mit beiden Beinen im Leben stehe.

Doch diesen Artikel heute zu schreiben und nochmal einen Blick auf mein Leben zu werfen aus heutiger Sicht, lässt vieles klarer und in einem anderen Aspekt erscheinen. Damit meine ich, dass ich zu dem Zeitpunkt, als mir meine Fehlgeburt und meine Todgeburt widerfahren ist, Gott zwar in meinem Leben hatte, doch meinen Weg noch nicht mit Gott gegangen bin. Heute versuche ich, meinen Weg so gut es geht mit Gott und Jesus in meinem Herzen zu gehen und die damals so scheinbar kleinen Zufälle stellen sich nun als von Gott gegeben für mich dar.

Eine Arbeitskollegin von mir lieh mir nach meiner Fehlgeburt ihr Buch „Den Himmel gibt’s echt“. Sie sagte mir, ich muss mich mit dem Lesen nicht beeilen. Ich las es dann etwa eineinhalb Jahre danach in Ägypten. Es veränderte mich nachhaltig. Jeder Zweifel, ob es den Himmel tatsächlich gibt, wurde mit dem Inhalt dieses Buches durch Glaube ersetzt. Für Zweifel über die Existenz des Himmels gab es nunmehr in meinem Leben keinen Platz mehr.
Dies war jedoch erst der Anfang. Es dauerte noch eine Weile bis ich Gott in mein Leben lassen und Jesus mein Herz öffnen konnte.

Auf dem Weg dahin hat mein Mann einen Alpha Kurs bei uns in Asten gemacht. Thomas wollte vermehrt an Gottesdiensten teilnehmen und mir war das Wochenende als Familie wichtig. Mit Gott nun mehr konfrontiert zu sein, gab mir wieder einen Schubs.

Dann kam auch für mich der Zeitpunkt, an einem Alpha Kurs teilzunehmen. Viele Fragen wurden in diesem Kurs beantwortet, einige waren noch offen. Erst durch Gespräche, unter anderem auch mit Pater Thomas hatte ich das Gefühl, dass sich mein Bild langsam vervollständigt.

Durch meine Auseinandersetzung mit Gott, Jesus, dem heiligen Geist, meinem Glauben, durch Gebete stehe ich heute da, wo ich bin. Es fühlt sich richtig an. Ich bin immer schon offen mit dem Verlust unserer Kinder umgegangen. Ebenso war ich seit Anfang an in therapeutischer Begleitung. Doch irgendwie fehlte das letzte Puzzlestück bei meinem Heilungsprozess. Ob ich am Ende stehe weiß ich nicht. Jedoch kann ich sagen, dass ich jetzt keine Leere mehr spüre, wenn ich an meine Sternenkinder denke, sondern Fülle und Liebe. Diese Verwandlung wäre ohne Gott für mich nicht möglich gewesen.

8. Meine Perlen

Wie ich im vorigen Kapitel bereits erwähnte sehe ich heute die Personen, die meinen Weg kreuzten, nicht mehr als Zufall, sondern von Gott gegeben. Durch ihr Sein und Tun und ihre Hilfe auf meinem Weg nenne ich sie gerne “meine Perlen”. Sie sind kostbar, wertvoll und besonders. Sie haben mir gezeigt, dass nach Regen wieder Sonnenschein kommen kann.
Dafür war es jedoch wichtig zu gehen, nicht stehen zu bleiben. Man konnte zwar verweilen, doch irgendwann gehts weiter.

Das Weitergehen führte mich auch dazu, dass ich nach der Fehlgeburt auch meinen Frauenarzt gewechselt habe. Was anscheinend nicht selten der Fall ist, wie ich später erfuhr. Er ist mittlerweile schon in Pension, doch er gab mir bei meinen weiteren drei Schwangerschaften immer ein gutes Gefühl und schaffte es mit seiner Gelassenheit mich zu beruhigen.

In der Schwangerschaft zu Emilia, lernte ich in meinem Krankenhausaufenthalt eine sehr nette Frau kennen. Sie hatte bereits zwei gesunde Kinder an der Hand und war zu ihrem dritten Kind schwanger. Wir verstanden uns wirklich schnell sehr gut. Ich weiß gar nicht mehr so wirklich, ob wir auch danach den Kontakt gehalten haben, doch sie meldete sich kurze Zeit nach dem Verlust von Emilia bei mir. Sie fragte mich, ob ich mit ihr zur „Leere Wiege Heilgymnastik“ gehen möchte. Dann wären wir zu zweit. Und müssten nicht in einen Rückbildungskurs, bei dem alle anderen Mütter vor und mit ihren Babys turnten.

Und so führte mich mein Weg zu Katharina Enzenhofer nach Bruck bei Hausleiten. Eigentlich ein Katzensprung von meinem Zuhause entfernt. Das Gute liegt oft so nah! Es war so gut, wichtig und wertvoll, sich in kleiner Runde austauschen zu können. Unter Gleichgesinnten zu sein, die das eigene Schicksal teilten. Jede auf ihre Weise. Zwischen Katharina, meiner Freundin und mir entstand eine Freundschaft, die uns bis zum heutigen Tag miteinander verbindet. Meine Freundin, die zur Familie gehörte und ebenfalls in einer ähnlichen Situation war. Die mir so half, damit ich noch Erinnerungen an Emilia behalten konnte.

In der Schwangerschaft zu Paulina waren drei Frauen für mich sehr wichtig. Sie halfen mir gut durch die Schwangerschaft zu kommen. Zum einen die Psychologin aus der Klinik, die mich weiter betreute. Dann meine Physiotherapeutin und gute Fee. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie genau ich zu ihnen kam, doch sie halfen mir sehr.

Doris Hörtenhuber hatte ein umfangreiches Wissen und sich als Physiotherapeutin damals u.A. auf Schwangere spezialisiert. Sie half mir nicht nur bei meinen Ischias-Beschwerden, die mit jeder Schwangerschaft schlimmer wurden, sondern löste Blockaden, wusste genau, was ich brauchte und war einfach nur da.

Petra war glaub ich schon vor meiner Schwangerschaft zu Paulina da. Ich bin zu ihr gegangen, um mich wieder richtig zu spüren, um in meinem Körper anzukommen, in meiner Trauer. Petra Fischer war eine wichtige Wegbegleiterin in meiner Trauerarbeit, sowie in meiner Schwangerschaft und auch zur Geburtsvorbereitung. Bei ihr hatte alles Platz. Alles was ich loslassen wollte. Manchmal starteten wir sofort mit der Therapie, andere Male hat sie mir zuerst zugehört.

Eine weitere Perle ist Simone Strobl vom Verein Pusteblume. Sie hat eine Selbsthilfegruppe, bei der ich einmal anwesend war. Seither verfolge ich ihre unermüdliche Arbeit rund um ihr Herzensthema Sternenkinder auf Facebook.

Auf Facebook suchte ich auch nach Sternenkinder und fand zunächst eine Gruppe, die alle deutschsprachigen Länder umfasste. Aus dieser Gruppe entstand dann eine für Österreich. Und in einer dieser Gruppe fand ich eine Freundin. Eine Freundin, die in Österreich in einem anderen Bundesland lebt. Mein Schicksal auf ihre Weise mit mir teilt. Eine Freundin, die ich lange Zeit nur virtuell kannte, und die ich in den vergangen sechs Jahren nur zweimal persönlich getroffen habe, die ich jedoch um nichts auf der Welt mehr in meinem Leben missen möchte. Sie hat mir durch meine erste Zeit der Trauer durchgeholfen! Sie war immer da für mich, wenn ich das Gefühl hatte, dass mich keiner versteht. Sie hat mir den Silberstreifen am Horizont gezeigt.

Genau aus diesem Grund möchte ich auch für andere Sternenkindmamas da sein. So gut ich kann. Da mir so viele bereichernde Menschen in meinem Leben geschenkt wurden.

9. Gut zu wissen

Hier sind nun die Dinge, die ich gerne vorher gewusst hätte und jene, die mir wichtig erscheinen:

  • Ihr habt alle Zeit der Welt! Bei der Entbindung und auch danach.
  • Hört auf euer Bauchgefühl und folgt dem, was euch gut tut!
  • Macht Fotos oder kontaktiert einen Sternenkindfotografen (siehe Links), wenn ihr das möchtet.
  • Nehmt euch eine Haarlocke mit nach Hause von eurem Baby, wenn es schon Haare hat, und ihr das wollt. (Ich hatte leider darauf vergessen)
  • Legt eurem Kind etwas mit in den Sarg. Den Strampler des Lieblingseishockeyvereins, ein Kuscheltier, ein Andenken, …
  • Die meisten Krankenhäuser werden vom Verein Pusteblume mit Kleidung und Einschlagdecken für Sternenkinder versorgt. Ihr könnt danach fragen.
  • Es gibt, sofern medizinisch unbedenklich, meistens auch einen natürlichen Weg. Sei es bei der Einleitung der Geburt statt einer Curettage oder Tabletten, oder beim Abstillen, damit der Milcheinschuss verhindert wird.
  • Ihr habt ein Recht auf euer Kind (rechtliche Grundlagen siehe Link).
  • Lasst los! Empfangt euer Kind!
  • Ihr seid nicht allein.
  • Es gibt kein Muss! Und es gilt euer Tempo!
  • Habt keine Scheu und kontaktiert einen Seelsorger eurer Konfession wenn ihr Fragen habt: „Was jetzt?“

10. Gut zu wissen für Angehörige

Für Angehörige, Freunde und Bekannte ist der Umgang mit Sternenkindeltern nicht leicht. Als ich mich mit einer Freundin über diesen Artikel unterhielt und fragte, was sie sich erwarten würde darin zu lesen bzw. was ihr wichtig wäre, meinte sie: der Umgang mit Betroffenen.

Ich möchte euch hier einige Anhaltspunkte mitgeben wie ihr euch verhalten könnt. Unter dem Aspekt, dass jeder unterschiedlich trauert und jedem etwas anderes gut tut. Ich kann natürlich nur von meiner Perspektive aus berichten was ich gewollt hätte, wie mein Umfeld reagieren sollte, getan hat. “Ich” meint hier den Angehörigen, Bekannten, Freund:

Was sage ich?
Die Wahrheit. Es ist sch… . Es ist erschütternd. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Einfach bei der Wahrheit bleiben. Beileidsbekundungen waren für mich persönlich schwer. Für andere jedoch nicht so sehr. Darum einfach fragen: „Darf ich dir sagen, dass es mir leid tut?“

Was kann ich tun? Wie verhalte ich mich?
Ehrlich bleiben. Da sein. Zuhören. Zeit lassen. Beten. Ehrlich bleiben. Wenn einem der Verlust oder das Thema Tod unangenehm ist, man überfordert ist und nicht weiß, was man tun soll, einfach sagen: „Ich weiß nicht, was ich tun soll.“ Meistens bekommt man ein „danke, gar nichts“ oder „du kannst nichts machen“ zu hören. Das entspricht beinah der Wahrheit. Wenn man tatsächlich nicht unterstützen kann mit einem Essen oder Vorbereitungen bei der Verabschiedung, so ist das Wichtigste, einfach nur da zu sein. Ja ich weiß selber, wie schwer es ist, einfach nur da zu sein. Doch ein offenes Ohr, eine starke Schulter und ein Gebet tun gut und wirken Wunder.
Da sein. Einfach nur da sein ist so viel wert! Ebenso wie ruhig bleiben. Bei uns war es unter Anderem auch der Vater meines Mannes, mein Schwiegervater. Er hat uns bei Emilias Geburt ins Krankenhaus gefahren. Er war so sehr in sich ruhend, dass es auf meinen Mann abfärbte und ihm Sicherheit und Halt gab. Zuhören.

Wie kann ich den Verlust ansprechen?

  • Beinah immer. Zumindest in meinem Fall. Und ich glaube, wenn man aufrichtig fragt, oder dem Betroffenen mitteilt, dass man gerne darüber reden würde oder auch zuhören möchte, kann man mit einer ehrlichen Antwort rechnen. Es kann auch sein, dass der Augenblick gerade nicht so gut passt.
  • Zeit lassen. Bei jedem verläuft der Trauerprozess und der Heilungsprozess unterschiedlich.
  • Beten. Das Gebet hilft.
  • Die Väter beachten. Auch Männer haben ihr Kind verloren. Sie werden automatisch zum Vater. Auch sie trauern.
  • Das mitunter Wichtigste: Bitte Floskeln vermeiden! Ich weiß, man ist sehr verleitet wenn man nicht weiter weiß, sich an gut gemeinten Ratschlägen zu orientieren und anzuhalten. Doch „Ihr habt noch alle Zeit der Welt, Kinder zu kriegen!“ „Wirst sehen das klappt schon!“ „Ihr habt ja schon Kinder.“ „Ihr könnt immer noch Kinder bekommen.“ Helfen nicht im Ansatz über den Verlust DIESES Kindes hinweg. Ganz gleich wie alt das Kind geworden ist. Sobald es für die Mutter ihr Baby ist, wird es zu ihrem Kind, das sie verliert. Ebenso der Vater. Ein „Alles wird gut!“ hilft da leider nicht.
    Für mich persönlich war dies die schlimmste Floskel. Denn was sollte denn wieder gut werden? Nichts konnte mir meine Kinder zurück bringen. Damals machte mich dieser Satz sehr wütend. Heute sehe ich ihn, auch durch Gottes Hilfe, differenzierter. Es ist nicht alles wieder gut geworden. Doch es ist: gut geworden.
    Es geht mir gut. Ich habe zwei Sternenkinder, die im Himmel auf mich warten. Ich habe zwei wundervolle, gesunde Töchter an der Hand, die ihr Leben jeden Tag auskosten und unseres absolut bereichern. Ich habe meinen Mann. Ohne Thomas wäre ich heute nicht hier. Würde nicht diesen Artikel schreiben können. Er war und ist meine starke Schulter, mein Beschützer, mein Ehemann. Den ich über alles liebe und ich zutiefst dankbar bin.
    Und ich habe Gott in meinem Leben und in meinem Herzen, der mich trägt, wenn ich nicht mehr kann und dem ich alles vor die Füße werfen kann.
    Ich habe mich. Ich habe ein gutes Leben.

11. Kontaktadressen und Empfehlungen:

Sternenkinder Fotografie
Unter dein-sternenkind.eu kann ein Sternenkindfotograf/in angefordert werden. Auf der Website kann man mit dem Kontaktformular oder auch telefonisch (dt. Nummer) seinen Bedarf an einen professionellen Fotografen bekannt geben. Zwanzig Koordinatoren sind abwechselnd rund um die Uhr im Einsatz, um einen Fotografen in der Nähe zu finden, der dann Kontakt mit den Eltern aufnimmt. Die Fotos sind kostenlos, da jeder Fotograf seine Zeit und sein Können ehrenamtlich dieser Stiftung und somit den Eltern von Sternenkindern zur Verfügung stellt.

Leere Wiege Heilgymnastik
Rückbildungsgymnastik in einer kleinen Gruppe von Sternenkindmamas, oder auch im Einzelsetting bietet Katharina Enzenhofer in Bruck bei Hausleiten an (Praxis für Physiotherapie, Hausleiten 8, 4490 St. Florian, Tel. 0681 8184 7313, physio-enzenhofer.at

bewegung leben
Petra Fischer, Dorfplatz 8/1, 4491 Niederneukirchen, 0676 6612 896, bewegung-leben.at

Selbsthilfe – und Trauergruppen

  • ZOE-Beratung rund um Schwangerschaft und Geburt (Gruberstraße 15/1, 4020 Linz, Eingang an der Rückseite des Hauses, 1. Stock, Terminvereinbarungen erbeten: Mo–Do, 8–12 Uhr, Tel. 0732 778300, Email: office@zoe.at)
  • Verein Pusteblume (Volksgartenstraße 13, 4600 Wels, Ansprechperson: DI Simone Strobl, Tel. 0650 4789 578, E-Mail: info@verein-pusteblume.at)

Literatur


Den Himmel gibt’s echt. Die erstaunlichen Erlebnisse eines Jungen zwischen Leben und Tod. Todd Burpo, Lynn Vincent, ISBN 978-3-7751-5278-5.

Weitere Buchempfehlungen findet ihr an den oben genannten Adressen. Ich habe nur dieses eine Buch gelesen, das ich wirklich empfehlen kann. Ich möchte keine Empfehlung für ungelesene Bücher aussprechen.

Des Weiteren gibt es auch in den sozialen Netzwerken Gruppen von Betroffenen.
Diese kann ich gerne per Messenger weiterleiten.

Kontakt
Generell stehe ich allen Betroffenen gerne zur Seite. Kontaktiert mich dazu einfach per Facebook Messenger oder E-Mail: Vera Madler (vera.madler@gmail.com)

Rechtliche Grundlage in Österreich
www.benu.at/ratgeber/trauerratgeber/sternenkinder/

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